Durch die Veröffentlichung in Ars organi wurde ich auf den Artikel “Hören mit Ernst Kern” des Johannes Rohlf aufmerksam. Er enthält 12 äußerst interessante Fakten zur Klangwahrnehmung. Ordnet Rohlf sie auch aus Sicht eines Orgelbauers in sein Fach ein, dürften sie jedoch darüber hinaus für jeden Musiker und vor allem Chorleiter von Interesse sein. Hier einige Ausschnitte:
- Schall ist bewegte Materie, mechanisch bewegte Luft. Diese besitzt Trägheit und Elastizität und sorgt daher für eine relativ geringe Geschwindigkeit und Reichweite von Schall, nämlich ca 1224 km/h, die Schnelligkeit eines Düsenflugzeugs, das man bequem mit den Augen verfolgen kann.
- Der gesamte mit dem Gehör wahrnehmbare Bereich an Schall wird begrenzt durch Frequenzen von 16 Hz bis 16.000 Hz und durch Lautstärken von 0 dB (Hörschwelle) bis 135 dB (Schmerzgrenze). Vergleicht man die Leistungsfähigkeit des Auges mit der des Gehörs durch Gegenüberstellen des sichtbaren Lichtwellenbereichs mit dem hörbaren Tonfrequenzbereich, so zeigt sich, in Intervallen ausgedrückt, dass wir gerade einmal eine Oktave sehen, aber 10 Oktaven hören.
- Bei Frequenzen um 1.000 Hz können etwa 80 Lautstärkestufen unterschieden werden.
- Hohe, leise Töne werden von tiefen, lauten Tönen verdeckt, nicht aber tiefe, leise Töne von hohen lauten Tönen. Diese Aussage ist verständlich, wenn man bedenkt, dass in den Obertönen des Basstones der Diskant enthalten ist, nicht aber umgekehrt.
- Tiefe Töne erscheinen bei gleichem Schalldruck leiser als Töne im mittleren Bereich. So muss ein Kontrabassist für ein Pianissimo 100 mal so viel Schalldruck erzeugen, wie ein Geiger. Im Forte dagegen muss ein Geiger seinen Schalldruck verhundertfachen, der Kontrabassist dagegen nur verzehnfachen, damit das Lautstärkeverhältnis beider Instrumente für das Ohr gleich bleibt.
- Beurteilen der Tonhöhe ist zeitabhängig. Tiefe Töne benötigen längere Zeit für die Tonhöhenbeurteilung.
- Noch wahrnehmbarer Mindestabstand von 2 Ereignissen ist 1/16 sec.
- Was bewusst wird, also in den “Kurzspeicher” eindringt, bleibt etwa 10 sec lang zugänglich und entspricht der Gegenwart. Innerhalb dieser Zeit kann man mehrere Themen gehört haben, und hört, echohaft, immer noch den ersten Ton und den zweiten usw.
- Das “Sichaufbauen” eines Klanges ist das ästhetisch Bedeutungsvolle.
- Ich höre, was ich hören will, was ich mir bewusst mache. Sofern das Gehör dazu angeleitet wird, kann es selektieren und fokussieren. Es kann aus einer Vielzahl unterschiedlicher Schallereignisse diejenigen herausfiltern, welche für das Bewusstsein gerade von Interesse sind. […] Jeder hört am abend anders als am Morgen.
- Periodische, also voraussehbare und damit unwichtige Erregungen bzw. Reize werden aus dem Informationsfluss herausgefiltert (Ticken der Uhr, Grillenzirpen).
- Nach Gehör gestimmte Gleichstufigkeit zeigt Abweichungen bis zu 4 cent.
Der Artikel findet sich auf den Internetseiten von Johannes Rohlf und kann als pdf-Dokument heruntergeladen werden.