Ich bin Kantor in St. Remigius, Viersen.

Lernen von Musik.

Nmz-​​Media ver­öf­fent­lichte ges­tern ein Video zu einer taktlos-​​Sendung “Kling-​​Zwang: Jedem Kind ein Instru­ment” — vor dem Hin­ter­grund der nordrhein-​​westfälischen und hes­si­schen Initia­tive. Es schei­nen gute, abso­lut not­wen­dige Initia­ti­ven zu sein, die end­lich dem Rech­nung tra­gen, was in unzäh­li­gen Sonn­tags­re­den fol­gen­los beschwo­ren wurde: der ganz­heit­li­che Wert einer musi­ka­li­schen Erzie­hung. Allein: Gibt es einen Effekt bisher?

Einem Kol­le­gen tat­säch­lich pas­siert: Er geht in die Grund­schule für sei­nen Kin­der­chor wer­ben, singt etwas mit den Kin­dern, die ihn aber offen aus­la­chen. Auf die Frage, warum sie denn lachen, bekommt er die sym­pto­ma­ti­sche Ant­wort: “Wir wuß­ten bis­lang nicht, daß Män­ner sin­gen können.”

Natür­lich hängt das auch damit zusam­men, daß die prä­gen­den Päd­ago­gen der Kin­der in Kitas und Grund­schu­len oft weib­lich sind. Aber den­noch: Sin­gen als All­täg­lich­keit scheint in der Lebens­wirk­lich­keit vie­ler Kin­der über­haupt nicht mehr vorzukommen.

Bemer­kens­wert: Das hes­si­sche Pri­ma­canta–Pro­jekt hat unter ande­rem den Grund­satz: “Das Ler­nen von Musik muss vor dem Ler­nen über Musik statt­fin­den.” Dann ist aber noch viel zu tun.

Und das gehört auch zum Thema: Wer bezahlt sol­che Pro­gramme? Und warum? Dr. Huf­ner schreibt — auf die Initia­tive Musik gemünzt — in einem Kom­men­tar:

So wir­ken diese gan­zen Initia­ti­ven am Ende wie bloße Refle­x­er­schei­nun­gen dar­auf, dass eine die Gesell­schaft durch­drin­gende Musik­kul­tur lang­sam aber sicher der Selbst­auf­lö­sung zutreibt und zwar aktiv: Showzu­ckun­gen und „kul­tu­relle“ Gym­nas­tik­übun­gen beim Übergang zur Durch­ökonomisierung von Kul­tur und ihrer Über­füh­rung zur puren Ware. Kul­tur wird zur Funk­tion wirt­schaft­li­chen Erfol­ges degra­diert, „ver­schö­nert“ allein durch sich expo­nen­ti­ell ver­viel­fa­chende Ethik­kon­zepte soge­nann­ter sozia­ler Ver­ant­wor­tungs­über­nahme sei­tens der Unternehmen.

8 Reaktionen auf Lernen von Musik.

  1. jordroek schreibt:

    Einem Kol­le­gen tat­säch­lich pas­siert: Er geht in die Grund­schule für sei­nen Kin­der­chor wer­ben, singt etwas mit den Kin­dern, die ihn aber offen aus­la­chen. Auf die Frage, warum sie denn lachen, bekommt er die sym­pto­ma­ti­sche Ant­wort: “Wir wuß­ten bis­lang nicht, daß Män­ner sin­gen können.”

    Hier muss man aber gerech­ter­weise sagen, dass das nicht unbe­dingt ein neues Phä­no­men ist. Mein Musik­leh­rer am Gym­na­sium erzählte eine ganz ähnli­che Geschichte aus sei­ner eige­nen Refe­ren­da­ri­ats­zeit in den 60ern.

    Ich denke, es hat da schon immer Unter­schiede gege­ben: Einer­seits die Kin­der der Eltern, die auf sol­che Dinge wert­le­gen und es auch so vor­le­ben. Ande­rer­seits die, denen das eben nicht so wich­tig ist, was man in gewis­sem Maße sicher­lich auch abso­lut akzep­tie­ren kann. Nicht ver­ges­sen sollte man natür­lich die Rolle der Kir­che in der Ver­mitt­lung von Musik, aber da hast Du als Kan­tor sicher­lich mehr Ahnung, als ich, der ich nie wirk­lich in eine kirch­li­che Gemeinde ein­ge­bun­den war (, des­sen zwei erste Bands inter­es­san­ter­weise aber trotz­dem gewis­ser­ma­ßen “kir­chen­nah” waren).
    Inter­es­san­ter­weise klagt der Sport über ganz ähnli­che Probleme.

    Aus mei­ner eige­nen, noch nicht lange zurück­lie­gen­den Schul­zeit kann ich aber sagen, dass es durch­aus noch eini­ges Inter­esse am Sin­gen gibt, auch bei jün­ge­ren, wobei hier natür­lich die Damen in der abso­lu­ten Über­zahl sind. Gerade im Puber­täts­al­ter sind sin­gende Jungs wohl irgend­wie “uncool”. (Das konnte man auch in der Band aus dem ver­link­ten Video sehen: Auch hier nah­men aus­schließ­lich die Damen die Mikros in die Hand). Das gibt sich zwar irgend­wann wie­der ein wenig, aber auch dann hält sich die Anzahl der männ­li­chen Sän­ger in Gren­zen, was dazu führt, dass diverse Chöre, das ist zumin­dest meine Erfah­rung, stän­dig hän­de­rin­gend Bässe und Tenöre suchen…

  2. Thorsten schreibt:

    Einer­seits die Kin­der der Eltern, die auf sol­che Dinge wert­le­gen und es auch so vor­le­ben. Ande­rer­seits die, denen das eben nicht so wich­tig ist, was man in gewis­sem Maße sicher­lich auch abso­lut akzep­tie­ren kann.

    Ich nehme mich da ja gar nicht aus. Es ist ja ein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men, und es ist ein Para­dox, daß wirk­lich viele “Musik” als extrem wich­tig in ihrem Leben bezeich­nen — auch unter Jugend­li­chen — und ande­rer­seits über dem Sin­gen selbst der Hauch der Pein­lich­keit weht. Wich­tig wäre, das Musi­sche zu för­dern, ohne es zum Krampf ver­kom­men zu las­sen. Und die genn­an­ten Initia­ti­ven schei­nen das zu schaffen.

  3. jordroek schreibt:

    Ob diese Initia­ti­ven das wirk­lich schaf­fen, wird man erst in eini­ger Zeit sehen, aber die Ansätze sind natür­lich gut. Gerade weil man auch bei den jun­gen und nicht musi­ka­lisch vor­ge­bil­de­te­ten Kin­dern anfängt. Denn für Kin­der und Jugend­li­che, die schon Kennt­nisse haben, gibt es ja schon diverse Initia­ti­ven, die selbst­ver­ständ­lich auch sehr wich­tig und begrü­ßens­wert sind, aber eben nur denen hel­fen, die ohne­hin schon ein Instru­ment spielen.

    Und man kann natür­lich hof­fen, dass sol­che Initia­ti­ven auch die finan­zi­el­len Hür­den für den Ein­stieg in die Musik sen­ken. Denn gerade in struk­tur­schwä­che­ren Regio­nen ist es, so denke ich, für viele Fami­lien ein­fach nicht oder kaum erschwing­lich, mög­li­cher­weise gar meh­rere Kin­der zur Musik­schule zu schi­cken und ggf. gar noch Instru­mente zu kaufen.

  4. Thorsten schreibt:

    Da hast Du recht, die Kos­ten für Musik­un­ter­richt sind im Ver­gleich z.B. zu ver­einsport­li­cher Betä­ti­gung z.T. erheb­lich höher.

  5. Hufi schreibt:

    Stimmt. Ich war selbst erstaunt, wie wütend mich diese Sen­dung gemacht hat. Und damit man es nicht miss­ver­steht. Sin­gen ist prima, Musik ist prima. Aber jede Ver­ord­nung, jede Form ver­ord­ne­tet For­mung ist mir sehr und auf das Tiefste verhasst.

    Alle Ver­su­che des letz­ten Jahr­hun­derts, Kunst per Ver­ord­nung an den Mann und die Frau und das Kind zu brin­gen, waren tief auto­ri­täre poli­ti­sche Staa­ten. Gehirn­schal­tungs­ma­schi­nen. Gut gemeint mag das alles sein. Aber es ändert mei­nes Erach­tens wenig zum Guten. Die kaputte Struk­tur ist nicht durch sol­che kos­me­ti­sche Ver­an­stal­tun­gen aufzumöbeln.

    Eher dann doch “Jeder Mensch ein Musi­ker” von dm oder den Ent­wick­lun­gen der Jun­gen Deut­schen Phil­har­mo­nie in Bremen.

    Ich finde die Sache von Grund auf verlogen.

  6. Thorsten schreibt:

    Ich glaube, ich hab Dein Unbe­ha­gen kapiert. Den­noch: Soweit ich das ver­stan­den habe, sind das doch Initia­ti­ven, die die Kin­der frei­wil­lig mit­ma­chen kön­nen, oder irre ich?

    Ich sehe wohl eher das Weg­bre­chen basa­ler musi­ka­li­scher Bil­dung in der Breite und zugleich die Tot­ge­burt, die Musik­un­ter­richt zu mei­ner Schul­zeit (1980er Jahre) schon darstellte.

  7. Hufi schreibt:

    Ich könnte das nicht ein­mal genau sagen: Zu Musik zwin­gen wäre ja auch voll­idio­tisch. Und doch wäre das je dem Ver­neh­men nach erst nötig. Man­che müssen/​sollen zum Glück gezwun­gen wer­den. Denn sonst käme der soziale und fami­liäre Abschirm­dienst würde zum Ein­satz und das wäre dann wie­der auch unge­recht. (Das ist ja auch ein Sinn hin­ter der all­ge­mei­nen Schulpflicht).

    Das alles ist ganz stil­echt dia­lek­tisch zu fas­sen; oder gar nicht. Und darin mani­fes­tiert sich mei­nes Erach­tens das Pro­blem, dass man mit­tels Musik die Sache nicht hin­be­kommt, wenn es an so vie­len ande­ren Stel­len hakt.

    Ich denke, es ist eine Frage der Men­ta­li­tät vor­ne­weg. Für mich ist und bleibt Musik, Kunst, Lite­ra­tur, Tanz kein schu­li­scher Vor­gang. Das ist eine ganz eigene Form von Bil­dung, die ent­we­der in der Gesell­schaft tief wur­zelt (wie eher bei den Schwe­den oder ande­ren Natur­völ­kern) oder sie durch­dringt (Nor­we­gen angeb­lich oder Finn­land auch vor­geb­lich, das alte Ungarn aber auch Bayern).

    In unse­rer Auf­pflanz­kul­tur, wo man Men­schen nicht in Ruhe las­sen kann, sei es durch Wer­bung oder schu­li­scher Erzie­hung, durch Plat­ten­in­dus­trie oder ande­rer Ideo­lo­gie, da will man dem Pro­blem durch seine päd­ago­gi­sche Ver­dopp­lung bei­kom­men? Viel­leicht ist das ja ver­nünf­tig, aber es kann genau so falsch sein.

    In mei­ner Gesamt­schule hat­ten wir Ende der 70er Jahre noch sehr guten, wenn auch sel­te­nen Musik­un­ter­richt (auch ohne Noten — und es hat mir nicht gescha­det — hoffe ich).

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