Ich bin Kantor in St. Remigius, Viersen.

Break-even-Point.

In einer Aus­gabe von „poli­tik und kul­tur” mit dem Schwer­punkt­thema Die Kir­chen, die unbe­kannte kul­tur­po­li­ti­sche Macht schrieb der Aache­ner Bischof Hein­rich Mus­sin­g­hoff für den Deut­schen Kul­tur­rat im Sep­tem­ber 2006 einen Bei­trag mit dem Titel: Ohne zweck­freies Tun ver­küm­mert der Mensch (voll­stän­di­ger Text als Pdf-​​Dokument). Aus aktu­el­lem Anlass einige Ausschnitte.

Der Kul­tur­sek­tor wird nie­mals den Break-​​Even-​​Point errei­chen. Return on invest­ment — Fehl­an­zeige. Oder doch nicht? Musik-​​Sozialprogramme (…) haben auf Auf­se­hen erre­gende Weise bewie­sen, dass an sich zweck­freie musi­sche Akti­vi­tä­ten Fähig­kei­ten wie Team­geist, Kon­flikt­be­wäl­ti­gung und ver­netz­tes Den­ken för­dern. Der Erkennt­nis­ge­winn besteht darin, dass die „Inves­ti­tio­nen“ sol­cher Pro­jekte auch einen bedeu­ten­den „Kapi­tal­ge­winn“ für das Gemein­we­sen erbrin­gen, der mone­tär durch nichts auf­zu­wie­gen ist. Also doch: Return on invest­ment. Der unter­schwel­lige Appell zum Gewahr­wer­den der Nütz­lich­keit des „Über­nütz­li­chen“ (Tho­mas Mann) hat gewiss sein Gutes. Wir leben in der Tat in einer Zeit, in der sich alles, was Geld kos­tet, legi­ti­mie­ren muss. Aber ist das Zweck­freie nicht alleine schon dadurch legi­ti­miert, dass der Mensch es für sein Wohl­er­ge­hen braucht wie die Luft zum Atmen?

Der Stress des Leis­tungs­drucks mit dem Ziel der stän­di­gen Stei­ge­rung des mate­ri­el­len Lebens­stan­dards gefähr­det den Men­schen. Das Ver­hält­nis zwi­schen der Arbeit als einer Leis­tung, die tran­si­tiv­ob­jek­tiv ein Werk ver­wirk­licht, und dem zweck­freien Han­deln, das im Erleb­nis des Tuns sel­ber seine Erfül­lung fin­det, ist bei vie­len Men­schen in Unord­nung gera­ten. Ohne zweck­freies Tun ver­küm­mert der Mensch. Der Mensch ist immer ein Fra­gen­der gewe­sen. Er suchte sich sel­ber zu deu­ten, wenn er malte, Figu­ren schnitzte, musi­zierte, dichtete. (…)

Für das indi­vi­du­elle Wohl­er­ge­hen spielt das kul­tu­relle Erleb­nis­mo­ment eine abso­lut unver­zicht­bare Rolle, man denke an das Erleb­nis der Mit­wir­kung in einem Chor bei der Auf­füh­rung von Hän­dels „Mes­sias“ oder an das Gemein­schafts­er­leb­nis in der Schlacht­rufe skan­die­ren­den Süd­kurve beim Fuß­ball. Güns­ti­gen­falls kann aus dem Erleb­nis­mo­ment ein Glücks­mo­ment wer­den. Die­ses ist unter Umstän­den so stark, dass es dem Betrof­fe­nen genü­gend Ener­gie ver­schafft, um ihn für eine bestimmte Zeit für die Auf­ga­ben­last des All­tags zu wapp­nen. Wenn die katho­li­sche Kir­che sich kul­tu­rell und musisch-​​ästhetisch enga­giert, dann des­halb, weil sie die Frei­räume des Über­nütz­li­chen schüt­zen und wei­ten will. Die katho­li­sche Kir­che ist bei­dem ver­pflich­tet: Dem Dienst an den Men­schen und dem Dienst vor Gott. Gott lässt sich nicht ver­fü­gen wie irgend­ein „Ding in der Welt“. Wer glaubt, wird daher sen­si­bel für alles, was seine kogni­ti­ven All­tags­voll­züge ent­grenzt. Er über­schrei­tet – latei­nisch „tran­szen­diert“ – seine Ego­zen­trik. Das ver­bin­det den Glau­ben mit der Kunst: Glaube und Kunst gehen aus einer gestei­ger­ten Auf­merk­sam­keit in der Wahr­neh­mung der Wirk­lich­keit her­vor. So öffnen sie auch den Blick für jene Berei­che, die sonst leicht über­se­hen oder miss­ach­tet wer­den. Dazu gehö­ren alle kul­tu­rel­len Aus­drucks­wei­sen, die Unbe­dingt­heit, Authen­ti­zi­tät und geis­ti­ges Rin­gen um letzte Fra­gen ver­kör­pern. Als deren Anwäl­tin ver­steht sich die katho­li­sche Kir­che. (Quelle)

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